Herr Dr. Runge[1]: Wir kommen nun zur Abschlussdiskussion. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn sie jetzt schwerpunktmäßig zum Ansatz des Coastal Energy Managements Anregungen oder Fragen oder Kritik hätten.
Frau Prehn[2]: Ich weiß eigentlich gar nicht, was die Universität mit diesen Dingen zu schaffen hat. Die Instrumente entwickeln wir doch in der Praxis!
Herr Dr. Runge: Wenn ich darauf einmal antworten darf, das sehe ich ganz anders: Vieles von dem, was wir momentan in der Praxis an Instrumenten anwenden, ist an Universitäten entwickelt worden. Wir müssen uns bei vielen Dingen erst einmal im akademischen Raum darüber klar werden, wie man die Probleme angehen kann, bevor dann in den einzelnen Umweltverträglichkeitsuntersuchungen damit gearbeitet werden kann. Das haben wir für diesen speziellen Bereich jetzt vor zu tun.
Denken
Sie beispielsweise an die Vester-Sensitivitätsanalyse, auch die wurde erst
einmal in der akademischen Forschung entwickelt. Und jetzt wurde sie ganz
aktuell gerade in einer Küstenschutzplanung in Schleswig-Holstein angewendet.
Diesen Neuansatz finde ich unglaublich spannend: Leute verschiedener Gemeinden,
überwiegend Kritiker der ersten Planung, haben sich zusammengesetzt um
gemeinsam mit den Planern ein Sensitivitätsmodell zu entwerfen. Das Modell ist
in verschiedenen Sitzungen entwickelt worden, und die Beteiligten sind sich dann
darüber klar geworden, was die Planung eigentlich für den Tourismus an
verschiedenen Orten bedeutet. Am Ende wurden die Konsequenzen daraus in der
Küstenschutzplanung gezogen. Diese Planung wurde dann allgemein
anerkannt. Noch einmal zu Vester: Dieses Modellverfahren entstand nicht aus dem
Nichts, sondern wurde im in der Forschung entwickelt. Natürlich, am Ende müssen
solche Entwicklungen in der Praxis bestehen, aber man braucht im Grunde auch den
akademischen Raum, unabhängig von politischen Sachzwängen, um sich einigermaßen
frei im Kopf mit solchen Fragen und Problemlösungen auseinander zu setzen. Man
ist in der Planung gut beraten, sich auf Vorarbeiten der akademischen Forschung
zu stützen.
Frau Prehn: Aber wer soll denn die Forschung bezahlen und wer soll das anwenden?
Herr Dr. Runge: Da ist vieles denkbar. Solche Forschungen werden bspw. von öffentlichen Forschungsinstitutionen getragen, aber auch interessierte private Institutionen wären möglich. Inwieweit sich Träger finden, wissen wir im Moment auch noch nicht. Wer die Instrumente anwendet, wenn man sie erarbeitet hat? Da gibt es weite Bereiche hoheitlicher Planung. Aufgrund der leeren Kassen der Länder und Gemeinden wird das leider immer weniger. Dafür kommen immer mehr private Planer: Projektentwickler, Stromversorger kommen. Die müssen ja auch sehen, wo und was sie langfristig denn eigentlich bauen wollen? Sie stehen in Konkurrenz und müssen sich rechtzeitig Gedanken darüber machen, wo und wie es geht. Deswegen machen sie sich auch Gedanken, was die ökologischen und sozialen Folgen sein könnten. Und weil sie die Ersten sein wollen, machen sie sich frühzeitig Gedanken. Also, wo das Geld dann herkommt, um die entwickelten Instrumente zu erproben und anzuwenden, darüber mache ich mir im Moment gar keine Gedanken.
Frau Köhn[3]: Wer ist Vester?
Herr Dr. Runge: Frederic Vester hatte Anfang der 80er Jahre Systemanalyse betrieben und Simulationsmedelle für räumliche Probleme entwickelt. Er hat angelehnt an elektronische Schaltkreise die Umweltwirkungen und die räumlichen Wirkungen von Städten und Landschaften nachgebildet.
Herr Nommel[4]: Vester gehörte zu den Begründern der Kybernetik.
Herr Dr. Runge:
Ein Beispiel für eine universitäre Entwicklung, die in der Praxis erfolgreich
angenommen wird.
Herr Vespermann[5]: Aus der Sicht der Landesplanung halte ich es schon für sehr vorteilhaft, dass die Universitäten sich für die Fragen der Küstenentwicklung interessieren. Das Land Niedersachsen bereitet gerade eine Rahmenplanung für die Küstenregion vor und dabei sind noch viele Fragen offen. Welche Antworten hier gefunden werden und welche Rolle hier der Schwerpunkt spielen könnte den sich die Universität Lüneburg setzt, wird man sehen. Und es gibt über Niedersachsen hinaus ja noch viele andere Aktivitäten, die die Aktualität der Küstenräume verdeutlichen. Die Ministerkonferenz für Raumordnung bspw. hat vor kurzem zusammen mit dem zuständigen Bundesministerium den Auftrag vergeben, zu untersuchen, welche Möglichkeiten bestehen, Raumordnung in der AWZ zu betreiben.
Herr Dr. Zeiler[6]: Herr Runge, wir vom BSH teilen ihre Einschätzung zu der Ausweisung von Eignungsgebieten für Offshore-Windparks. Das hätte früher kommen und besser vorbereitet werden müssen, um Wirkung zu zeigen. Es wäre nur gut, wenn sich noch einmal so etwas andeutet, früher zu reagieren. Natürlich sollten wir das als Anlass nehmen, dass wir aus dieser ganzen Flut von Anträgen für Offshore-Windparks, die wir nun einzeln zu bearbeiten haben, hinkommen zu einer Art Raumordnung in der AWZ, wobei wir aber die Auffassung vertreten, dass dieses Management, dass sie hier anstreben, nur eine reine Behördenaufgabe sein kann und alle Bereiche der Meeresnutzung, nicht nur die Energieerzeugung umfassen muss. Von daher weiß ich nicht, ob man da von einem Coastal Energy Management sprechen sollte.
Herr Dr. Runge: Da gebe ich Ihnen in einem vollkommen Recht, Herr Zeiler, und da möchte ich auch nicht, dass ich da falsch verstanden werde: Von der Universität aus versuchen wir nicht, uns in Behördenaufgaben hinein zu drängen. Was wir in direkt praxisverwertbarer Form machen können und wollen, sind Angebote. Instrumentenentwicklung können wir ihnen anbieten, die können wir aber auch privaten Entwicklern anbieten. Je nachdem, in welcher Position die Interessenten sich befinden, können wir Problemlösungen vorbereiten, die vielleicht auf andere Fälle übertragbar sind. Von der Universität aus können wir uns aus größerer Distanz und vielleicht umfassender Gedanken machen und Instrumente entwickeln. Ob die dann auch angenommen werden und in der Praxis bestehen, wird man sehen müssen. Dieser Realitätscheck hat sowohl für den Adressaten, als auch für unsere Arbeit Vorteile.
Zu dem zweiten Punkt des energiespezifischen Blickwinkels. Natürlich geht es darum, die Energieerzeugung in das Geflecht der vielen anderen Nutzungen zu integrieren. Aber welchen Erfolg haben wir, wenn wir stets den ganz übergreifenden Blickwinkel einnehmen? Schauen sie sich diese vielen AGENDA 21-Aktivitäten an! Nachhaltigkeit ist so ein weit gefasster Begriff. Wenn wir herangehen und nicht einen definierten und abgrenzbaren Ausgangspunkt nehmen, dann landen wir in großer Ratlosigkeit. Unser Ausgangspunkt und Schwerpunktbereich ist die küstennahe Energieerzeugung. Sie haben vorhin von Herrn Prof. Donner gehört, dass hier ein Studiengang Energiemanagement in Planung ist. Das gehört natürlich auch zum Hintergrund: Die Grundfrage aber bleibt: Wie kann man Energierzeugung an der Küste integrieren in die vielen Nutzungen, die Umwelt und die Versorgungsstruktur? Die Idee ist, genauso wie beim integrierten Küstenzonenmanagement, den gesamthaften Überblick zu behalten. Dass Sie vom BSH nicht die Energieerzeugung in den Mittelpunkt stellen können, versteht sich von selbst.
Herr Dr. Zeiler: Ich habe da jetzt noch ein bisschen Schwierigkeiten, das auseinander zu halten. Im Endeffekt ist es ja genau das System des Küstenzonenmanagement. Ich denke, was Sie jetzt hier als Coastal Energy Management bezeichnen, ist letztendlich das Leitbild von dem des integrierten Küstenzonenmanagement. Ich muss ja wissen wohin es gehen soll. ich will ja eine Vision haben, und da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass man jetzt bei der Bundesseite hergeht und sagt „Gut, wir geben jetzt ein Leitbild vor, übergreifend über die Länder, dass wir für den norddeutschen Raum eine Charakteristik machen und sagen, wir haben hier diese Kontakte am Meer und wollen das Ganze jetzt Ausbauen zu einem zukunftsorientierten Planungswirtschaftsraum. Da spielt zum Beispiel Coastal Energy eine Rolle. Praktisch hier ein Leitbild aufziehen und dann versuchen, diese unterschiedlichen Interessen und Nutzungen zusammen zu bringen.
Herr Dr. Runge: Das ist eine sehr interessante Idee. Verstehen sie Coastal Energy Management sozusagen als eine Schwerpunktsetzung im Integrierten Küstenzonenmanagement, ein Fixpunkt, ein Ausgangspunkt, der aber nicht dazu führt, dass der Gesamtrahmen verloren geht. Dies steht im übrigen auch im Einklang mit anderen Entwicklungen. Wenn wir auf Schleswig-Holstein blicken, da hat sich IKM entwickelt als Teil vom integrierten Küstenzonenmanagement. Da haben Küstenschützer gesagt: „Uns ist Integriertes Küstenzonenmanagement zu unpräzise. Wir haben im Küstenschutz eine ganz bestimmte Aufgabe, aber wir erkennen die Prinzipien des integrierten Küstenzonenmanagement an, deswegen nennen wir unseren Ansatz des Küstenschutzes in Anlehnung an IKZM IKM.“ Das ist sinnvoll, denn so können sie auch konkreter werden. IKZM oder Nachhaltigkeit, das sind so weite Begriffe, da ist alles drin und das macht die gegenseitige Verständigung und Abstimmung unter diesen Begriffen leider auch so schwer. In dem Bereich, den wir uns abgrenzen, da wissen wir einigermaßen, wie die Dinge zusammenhängen und was vielleicht zusammen passt. Das weiß wissen wir aber nicht unter dem ganz großen Begriff.
Herr Tasch[7]: Eine andere Möglichkeit, da ranzugehen ist ja auch die regionale Abgrenzung. Auch in begrenzten Regionen mit einer überschaubaren Interessensverteilung kann man so etwas konkreter weiter verfolgen. Herr Vespermann sagte ja bereits, wie es in Niedersachsen aussieht. Bei uns in Schleswig-Holstein gibt es noch nicht so konkrete Überlegungen zu einer Raumordnung auf See. Stattdessen befinden wir uns in einer Phase der Bestandsaufnahme, eine Bestandsaufnahme bestehender Nutzungen an der Küste und auf See einerseits, eine Bestandsaufnahme andererseits aber auch bestehender kleinräumiger Konflikte, wo es um irgendeine Form von Interessensausgleich in diesen Bereichen geht. Dazu ist von einer interministeriellen Arbeitsgruppe eine Studie vergeben worden. Wir befinden uns da also noch in einer mehr informellen Phase und es werden da noch Schwerpunkte gesetzt werden. Im Moment ist der Bereich regenerative Energien ein sicher sehr wichtiges Thema.
Frau Dr. Hamann[8]: Ich finde es sehr interessant und auch wichtig was zur Zeit stattfindet, dass nämlich sich so unterschiedliche Ansätze des Integrierten Küstenzonenmanagements ausformulieren. Das ist ein enorm komplexes Thema und es kann nicht nur einen Ansatz oder eine Behörde geben, der/die dieses Thema umfassend abdeckt. Ich finde es richtig, dass man sich einen Ausgangspunkt sucht. Irgendwann kommen die unterschiedlichen Ansätze sicher einmal zusammen, aber das braucht Zeit.
Herr Faulhaber[9]: Die Diskussion lässt mich gerade denken an ein Zitat, auf das ich vor kurzem in meiner Arbeit gestoßen bin: „ Die Umwelt ist in ihrer Totalität nicht zu begreifen“. Das ist das Problem sowohl der Naturwissenschaften, als auch der Rechtswissenschaften in diesem Bereich. Alles was wir machen können, ist an Universitäten und in Behörden Mosaiksteine zu erarbeiten. Erst das alles zusammen fügt sich bestenfalls in ein Gesamtbild. Wir müssen uns vor Augen halten, Umwelt ist in ihrer Totalität nicht erfassbar. Nur wenn wir die Mosaiksteine, die uns bleiben mit Fachkenntnis bearbeiten, kommen wir auch zu Ergebnissen.
Herr Dr. Runge:
Das wäre jetzt schon fast ein gutes Schlusswort. Ich denke, wir sollten langsam
zum Ende kommen. Jetzt vielleicht noch zwei, drei Beiträge?
Herr Reshöft[10]: Ich möchte dem beipflichten, was Frau Dr. Hamann ansprach. Es geht doch hier nicht um konkurrierende Institutionen, sondern was wir brauchen ist eine Offenheit für neue Ansätze. So wie in diesem Forum viele verschiedene Sichtweisen sich offensichtlich ergänzen und nicht in Konkurrenz zueinander stehen, so sollte IKZM begriffen werden. Wenn jetzt eine Behörde das alles kanalisieren wollte, ginge viel Wertvolles verloren. Deswegen finde ich den hier verfolgten Ansatz des Coastal Zone Management angenehm in seiner Offenheit. Ob daraus ein Instrument wird, das sich als Ganzes operationalisieren lässt, wird man sehen. In Teilbereichen wird das aber bestimmt der Fall sein.
Herr Prof. Buchholz[11]: Das kann ich nur unterstützen, was Sie gerade sagen und was hier unterschwellig Anklang fand. Wir sind ja auch in der Wissenschaft so weitergekommen, die cartesianische Wissenschaft hat immer mehr reduziert, bis man von einer Sache wirklich sagen konnte, wie diese genau zustande kommt. Das ist ja auch gar nicht ganz abwegig. In den Naturwissenschaften wird ja auch besonders stark so verfahren. Aber wir haben ja in den angewandten Wissenschaften die Notwendigkeit, dass wir ganzheitlich an Aufgabenstellungen herangehen. Ich habe mich früher als Student beim Lernen unzusammenhängender Dinge damit getröstet “Wer weiß, man kann es vielleicht mal gebrauchen“. Das war so eine innere Ausrede. Aber ich bin inzwischen viel mehr dazu gekommen, dass man Probleme hat und die müssen gelöst werden; gewisse Fragestellungen hat, gewisse Vorstellungen einfach wie die Energiefragen. Das hindert überhaupt nichts daran, ganzheitlich, interdisziplinär daran zu gehen. Was wir hier nicht tun können in den Universitäten, die ganzen Statuten wären eigentlich dagegen, da müssten wir gegen alle Gesetze handeln, wenn wir Studenten aus unterschiedlichen Fächern irgendwas gemeinsam studieren lassen. Und in Behörden, gehe ich davon aus, (ich bin nun nicht in einer Behörde) da ist es ja ganz ähnlich: jeder hat so sein Ressort. Der eine denkt nur an die Fischerei, der andere nur an die Schifffahrt, der nur andere an den Bergbau. Ich mache daraus keinen persönlichen Vorwurf, aber in dem Augenblick, wo man diese Fragestellung auslegt auf ein zu lösendes Problem und indem man dann die Methodik auch darauf auslegt, kommt man, meine ich, automatisch dazu zusammenzuarbeiten. Der Autor, der zitiert hat „die Totalität der Umwelt ist nicht erfassbar“, hat völlig Recht. Das Problem hatten wir ja auch in der Geographie. Wir sollten alles wissen, von der Geologie bis zur Religion (als wenn das überhaupt zusammenhinge), aber man kann nicht alles wissen. Man muss es aber soweit zusammengenommen wissen und fragen: „Warum ist das so und wie wird es sich verhalten, wenn ich das und das tue?“ Rückwärts zu analysieren, gefragt: „Wie ist es dazu gekommen?“ kann auch interessant sein, ist aber nicht so wichtig. Bei diesen Fragen ist man dann beim interdisziplinären Arbeiten. Darum kann man im Grunde nur gratulieren, wer auch immer nun daran ging, das hier zu veranstalten. Solche Workshops sind außerordentlich wichtig, wo nicht nur die verschiedenen Wissenschaften zusammenkommen, sondern auch Firmen und Behörden, denn die haben das gemeinsame Problem, die Aufgabe zu formulieren und eine Lösung zu finden.
Herr Dr. Runge: Vielen Dank Herr Prof. Buchholz, das war wirklich ein schönes Schlusswort zu dieser Veranstaltung, das ich als solches so stehen lassen möchte. Ich danke Ihnen allen ganz herzlich für Ihre Ausdauer und ihre Beiträge, insbesondere natürlich den Referenten. Ganz herzlich danke ich aber auch Herrn Prof. Brandt und den Mitarbeitern seines Lehrstuhls, insbesondere Frau Krech und Frau Hilker, für die organisatorische Arbeit, die mit diesem Workshop verbunden war.
[1] Dr. Karsten Runge, OECOS-Umweltplanung, Hamburg
[2] Anja Prehn, Fa. Aerodyn Energiesysteme, Rendsburg
[3] Antje Köhn, Dr. Jörg Köhn Cons., Heiligenhafen
[4] Jens Nommel, OECOS-Umweltplanung, Hamburg
[5] Karl-Heinz Vespermann, Niedersächsische Staatskanzlei, Hannover
[6] Dr. Manfred Zeiler, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, Hamburg
[7] Ulrich Tasch, Ministerium für ländliche Räume, Landesplanung, Landwirtschaft und Tourismus, Kiel
[8] Dr. Ilse Hamann, Institut für Meereskunde der Universität Hamburg
[9] Reiner Faulhaber, OstDir. I.R., Universität Lüneburg
[10] Jan Reshöft, Hamburg
[11] Prof. Dr. H. Buchholz, Geographisches Institut der Universität Hannover