Ausblick
und offene Forschungsfragen im Coastal Energy Management
von
Dr. Karsten Runge, OECOS-Umweltplanung, Hamburg
An
der Universität Lüneburg ist beabsichtigt, einen Forschungsschwerpunkt „Coastal
Energy Management“ einzurichten, der in regem Austausch stehen soll mit den
vielen anderen Fachleuten und Fachinstituten, die sich mit Teilaspekten dieses
transdisziplinären Themengebietes befassen. Das
folgende Diagramm bringt die dabei diskutierten Technologien in einen groben
Orientierungszusammenhang von Wissenstand/defizit und zu erwartender zeitlicher
Relevanz. Die Darstellung der Wissensdefizite unterscheidet sich zudem nach
denen technischer Art und denen der Integration in Umwelt, Nutzungsmuster und
Versorgungsstruktur. Diese Zuordnung ist natürlich grob geschätzt und dient
lediglich der ungefähren Orientierung.

Abb. 1: Fragestellungen des Coastal Energy Managements
An Land umgibt uns Windenergie an der Küste allenthalben, die Technik ist seit langem erprobt und die Landesplanung hat in den Küstenländern verlässliche Grundlagen für die Planung geschaffen (Zuordnung daher weit links unten mit geringer Distanz von Technik und Integration). Nichts desto weniger machen die immer wieder hoch emotionalisierten Konflikte um Parks oder einzelne Anlagen deutlich, dass die Akzeptanz vielfach auf wackligen Beinen steht. Die grundsätzliche Berechtigung solcher Konflikte steht außer Frage, geht es doch vielfach um nachvollziehbare Anliegen Planungsbetroffener, deren Belange von Windenergiebetreibern ernst genommen werden sollten. Verschiedentlich kommen aber auch Stimmungen zum Tragen, aus denen ersichtlich wird, inwieweit Windenergieanlagen als landschaftliche Fremdkörper wahrgenommen werden. Die historische Verknüpfung moderner Windkraftnutzung mit traditionellen und regionalspezifischen Formen der Windkraftnutzung ist kaum untersucht und kommt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum zum Tragen. Der kulturellen Integration und öffentlichen Akzeptanz der Windenergienutzung steht ein mangelndes Bewusstsein regionalspezifischer, historischer oder nutzungsbezogener Querbezüge im Wege, die während der kaum mehr als ein Jahrzehnt jungen Renaissance der Windenergienutzung noch nicht aufgearbeitet wurden. Querbezüge sind zweifellos in vielfacher Weise vorhanden. Eine historische und regionalspezifische Recherche könnte die wissenschaftliche Grundlage eines Ausstellungsforums sein, das der kulturellen und touristischen Integration der Windenergienutzung an der Küste dienlich wäre.
Aus der bereits vorgestellten Prognose des DEWI (2002) ist ersichtlich, dass in den nächsten Jahren eine Phase des Repowering d.h. der Neubebauung bestehender Windanlagenstandorte (ab 2006) zu erwarten sein wird. Der v.a. an der Nordseeküste Niedersachsens und Schleswig-Holsteins in großem Umfang anstehende und unter Klimaschutzgesichtspunkten wünschenswerte Wechsel von der 1. zur 2. Generation installierter Windenergieanlagen bietet die Chance zur Beseitigung früherer Planungsfehler, bspw. wenn zu dicht an Schutzgebiete oder Dorflagen gebaut wurde. Aufgrund des raschen technischen Fortschreitens der Windkraftindustrie werden die Umweltanforderungen an ein Repowering in kurzen Abständen stets neu zu überdenken sein.

Abb. 2: Generationen installierter Windenergieanlagen in Norddeutschland
Es stellt sich daher die Frage, ob der anstehende Wechsel nicht mit Hilfe regionaler Raumordnungskonzepte sehr viel weitsichtiger vorbereitet werden könnte. Auf Basis eines standardisierten Ziel-, und Beurteilungskatalogs sowie anhand von übertragbaren Planungsgrundsätzen könnten der sonst regional entstehende Aufwand gebündelt und unnötige Reibungswiderstände vermieden werden.
Die Technik der Offshore-Windenergieerzeugung befindet sich in der Erprobungsphase. Offene Fragen der Umweltintegration werden zügig bearbeitet. Das BMU hat vor kurzem eine ökologische Begleitforschung (BEOFINO, MINOS) zur Klärung naturwissenschaftlicher Grundsatzfragen bei der Offshore-Windpark Genehmigung initiiert. Abseits der dabei abgehandelten Fragestellungen wäre jedoch die Klärung weiterer Fragen wünschenswert. Die Art und Wirkung möglicher raumordnender Instrumente im Offshore-Bereich ist weitgehend unbekannt, die Einsatzmöglichkeiten rechtlich begrenzt. Gemeinsam mit Umweltrechtlern sollte eine Ermittlung möglicher Instrumente und eine Abschätzung des Wirkungspotentials stattfinden.
Bei der zu erwartenden Entwicklung der Offshore-Windenergienutzung ist mit kumulativen Auswirkungen an den Zugwegen wandernder Arten und in den Schwerpunktregionen des Anlagenbaus, zur rechnen. Die jetzige Durchführung vereinzelter projektbezogener Umweltverträglichkeitsprüfungen ist nur die zweitbeste Lösung zur Ermittlung der Umweltwirkung dicht benachbarter Offshore-Windparks. Ein besserer Rahmen für die Analyse möglicher Kumulationseffekte wäre eine projektübergreifende Umweltverträglichkeitsuntersuchung auf der Ebene einer Meeresregion. Da es entsprechende Untersuchungen noch nicht gegeben hat, wäre eine Beispieluntersuchung mit interdisziplinärer Beteiligung sinnvoll, die als eine Art Leitfaden für Untersuchungen in anderen Regionen fungieren könnte.
In einem als dezentrale Entwicklungen zusammenfassbaren Bereich finden sich eine Reihe von Technologien und Maßnahmen, die v.a. für dezentrale Versorgungen und kleinere Netze interessant sind (Energieeffizienzmaßnahmen, Solarkollektoren). Bis auf Fotovoltaik, deren technischer Durchbruch erst ab 2010 erwartet wird, ist die Technik in diesem Bereich weit fortgeschritten. Wenig ist allerdings über mögliche Integrationshindernisse bekannt, wenn es erst einmal um die konzentrierte Implementation entsprechender Anlagen geht. Auch Energieeffizienzmaßnahmen sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, ist doch z.B. die Gebäudewärmedämmung in Küstengebieten um vieles effizienter einzusetzen als im Binnenland. Es wäre für bestimmte Regionen durchaus einmal zu berechnen, ob ein solcher Mehrnutzen nicht auch besondere Förderungsbedingungen rechtfertigen würde.
Wasserstofferzeugung wird voraussichtlich zu einem großen Teil im Offshore-Bereich erfolgen. Die Einführung dieser prinzipiell erprobten Technologie wird aller Voraussicht nach nicht nur mit großen Technologieentwicklungssprüngen auf der Verbraucherseite, sondern auch mit weitreichenden räumlichen Veränderungen im deutschen Küstenbereich verknüpft sein. Der Beginn von Wasserstoffproduktion auf See könnte die Ansiedlung weiterer energieintensiver Produktionsbetriebe nach sich ziehen. Hafenstädte wie Bremen und Emden werden voraussichtlich von der Offshore-Entwicklung erheblich profitieren und werben bereits jetzt offensiv um die Investorengunst. Um ggf. zügig ablaufenden Veränderungsprozessen mit vorsorgeorientierter Planung zuvorzukommen, empfiehlt es sich frühzeitig fundierte Prognosen der räumlichen Veränderungen einschließlich begleitender Umweltfolgenbewertungen zu erarbeiten.
Die Wellenenergienutzung hat die Marktreife heute noch nicht erreicht. Gleichwohl könnte diese in den nächsten Jahren bevorstehen. Das bedeutende Potential der Wellenenergie in der Nordsee und der rasche technologische Fortschritt insbesondere dänischer Ingenieure in den letzten Jahren lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass auch in deutschen Gewässern einmal entsprechende Anlagen eingesetzt werden. Interessant ist hierbei die Verbindung mit der Offshore-Windenergie. Es erscheint nur plausibel, wenn innerhalb der enormen von Offshore-Windparks in Anspruch genommenen und für andere Nutzungen gesperrten Flächen alle Möglichkeiten der Energieerzeugung ausgeschöpft werden. Um nicht von den Raumansprüchen marktreif gewordener Technologien überrascht zu werden, empfiehlt es sich, auf Basis des jetzigen Technologiestandes frühzeitig beispielhafte Verträglichkeitsuntersuchungen durchzuführen.
Neben
der Wellenenergienutzung könnte auch die Strömungsenergienutzung mittels unterseeisch
befestigter Turbinen in den nächsten Jahren Marktreife erlangen, denn die Turbinentechnik
dieser Anlagen ist seit langem erprobt. Strömungsenergienutzung wird auch in
Deutschland an bestimmten Gezeitenströmen diskutiert. Prof.
GRAW vom Institut für Wasserbau der Universität Leipzig schlägt diese
Technologie für deutsche Standorte vor.
In Europa wurden 106 vorrangig für die Nutzung des Tideenergiepotentials geeignete Positionen identifiziert. Die insgesamt technisch nutzbare Leistung entspricht 12.500 MW bzw. 48 TWh Strom pro Jahr. Beim derzeitigen Stand der Technik werden dabei Strömungsgeschwindigkeiten ab 2m/sek. als kommerziell ausreichend angesehen. Tideströme an der deutschen Küste erreichen diesen Wert nicht, doch wo Küsten vor Meeresströmungen ohnehin baulich geschützt werden müssen, könnte sich ein zusätzlicher Anreiz durch die Kopplung von Energieerzeugung und Küstenschutz ergeben. GRAW (1995) identifizierte vor Sylt und Norderney Prielströme, an denen eine Kopplung kontinuierlich notwendiger Küstenschutzmaßnahmen mit Energieerzeugung aussichtsreich erscheint. Hierzu schlägt er ein sogenanntes Plattenwellenenergiekraftwerk vor, welches aus einer Anzahl massiver, in den Prielen abgesenkter, wellenbrechender Betonkonstruktionen besteht, die zugleich Turbinen zur Nutzung der Strömungsenergie beinhalten. Dabei wird bei vollständiger Ausnutzung der Gezeitenenergie im Hörnum Tief eine theoretische Stromausbeute von rund 400 MWh/täglich prognostiziert. Technisch realisierbar und unter Umweltgesichtspunkten erwünscht wäre sicherlich nur ein erheblich kleinerer Anteil.
Es fragt sich überhaupt, ob entsprechende Eingriffe in das Strömungssystem des Nationalparks Wattenmeer geduldet werden dürfen. Es ist nur allzu leicht denkbar, dass neben den erwarteten Küstenschutzeffekten auch unerwünschte Nebenwirkungen in Form von Sedimentation und Abträgen im Wattenmeer die Folge wären. Doch eine hydrodynamisch-numerische Simulation von Strömungskraftwerken in der deutschen Nordsee ist nicht bekannt. Sie wäre der erste Schritt zu einer begründeten Abschätzung der Verträglichkeit.
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Abb. 3: Tidestrom zwischen Sylt (links) und Amrum (rechts); Bodenabtrag bei Hörnum seit 1870

Abb. 4: Plattenwellenbrecher (GRAW 1995)
Offshore Repowering wird sicher erst in ferner Zukunft von Belang sein. Und dennoch werden bereits bei der anlaufenden Fundamentierung der ersten Offshore-Anlagen spätere Maschinenwechsel einkalkuliert. So gesehen werden schon heute die ersten Weichen für Offshore-Repowering gestellt.
Die Vielfalt möglicher Themen und die unterschiedliche Dringlichkeit von Lösungen im CEM erfordert einen systematischen Zugang. Forschung im Coastal-Energy-Management wird sich jeweils mit folgenden Fragen auseinandersetzen müssen:
Welche
EE-Zuwächse und Folgeentwicklungen sind zu erwarten?
Welche
Nachhaltigkeitsziele sind anzustreben?
Welche
Adressaten sollen erreicht werden?
Welcher
Werkzeugkasten muss zur Verfügung stehen?
Welche
Daten werden benötigt?
Um
diese Frage zu beantworten, muss zunächst unvoreingenommen abgeschätzt werden,
welche Entwicklungen in welcher Intensität auf kurze und welche auf lange Sicht
realistisch erscheinen. In eine solche Prognose spielen Technologiestand,
wirtschaftliche, soziale und ökologische Gesichtspunkte hinein, sie kann also
nur interdisziplinär erstellt werden. Unter Vorsorgegesichtspunkten macht es
insbesondere bei Langfristprognosen Sinn, auch weniger wahrscheinliche Entwicklungen
im Auge zu behalten.
Nachhaltigkeit lässt sich unter vielerlei unterschiedlichen Gesichtspunkten definieren. Es gilt genauso die Erzeugung Erneuerbarer Energie als nachhaltig, wie bspw. der Landschaftsschutz. Nachhaltigkeitsziele müssen untereinander abgestimmt und miteinander optimiert werden. Dies kann nicht abstrakt, sondern nur in konkreten geografischen Räumen geschehen. Auf der Grundlage regionaler Betrachtungen kann bspw. geklärt werden, was nachhaltige Energieerzeugung im Kontext heutiger Küstenentwicklung bedeutet und welches Potential die Küstenregionen für Erneuerbare Energien unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten bieten.
Es
ist eine bedauerliche Erfahrung der Offshore-Windkraft-Planung, dass
Eignungsgebiete für Offshore-Windenergie bis heute nicht bestimmt sind und
damit erst bestimmt werden, nachdem Genehmigungsverfahren in vielfacher Zahl
angelaufen sind und bereits die ersten Baugenehmigungen erteilt wurden. Um Raum-
und Umweltkonflikte durch künftige Technologien zu minimieren und
andererseits auch für EE optimale Entwicklungsbedingungen herzustellen,
sollten exemplarische Voruntersuchungen frühzeitiger stattfinden.
IKZM
hebt sowohl die Bedeutung partizipatorischer Planung als auch die Beteiligung
aller Träger öffentlicher Belange hervor. Im Einklang damit sollte
CEM-Forschung in einen breiten öffentlichen Diskurs eingebettet werden.
Planungsbehörden sind aufgrund knapper Ressourcen oft nicht in der Lage, sich
mit langfristigen Optionen zu befassen. Um so mehr werden sie entsprechende
universitäre Forschung zu schätzen wissen. Das Spektrum der Beteiligten reicht
von interessierten Bürgern und Interessenverbänden bis zu
Energieversorgungsunternehmen und energiewirtschaftlichen Projektentwicklern,
die sich selbst zunehmend mit räumlichen Planungsoptionen vorausschauend
befassen müssen. Aufgrund ihrer Interessenungebundenheit wird universitäre
Forschung auf diesem Gebiet einen Akzeptanzvorsprung genießen.
Coastal
Energy Management wird auf einem ganzen Baukasten von Methoden und Verfahren
fußen müssen, damit Veränderungen durch Erneuerbare Energieerzeugung
prognostiziert, bewertet und beeinflusst werden können. Dazu gehören rechtliche Instrumente, Methoden der ökonomischen Prognose und
Optimierung, vor allem aber integrierende Methoden und Managementverfahren, die
in der Lage sind, Teilelemente unterschiedlichster Bereiche zu integrieren und
zu einer zusammenfassenden Lösung zu bringen. Hierzu eignen sich auf den
Themenbereich zugeschnittene Formen der ökologischen Risikoanalyse, Methoden
der strategischen Umweltverträglichkeitsprüfung, der Szenarientechnik oder
der Sensibilitätsanalyse nach Vester.
IKZM
wird heute schwerpunktmäßig unter den herkömmlichen Nutzungsaspekten
Fischerei, Meeresverschmutzung, Küstennaturschutz und Tourismusplanung
diskutiert. Dieses Themenspektrum eingeführter Nutzungen führt zu reaktiven
Tendenzen.
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Coastal
Energy Management (CEM) versteht sich dagegen als eine IKZM-Akzentuierung,
die vorsorgend und proaktiv der Integration Erneuerbarer Energieerzeugung in:
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Die Prognosen über die Zukunft der Erneuerbaren Energieträger in Deutschland und Europa streuen sehr stark, erst recht, wenn es um Voraussagen für die nächsten Jahrzehnte geht. Coastal Energy Management wird zwangsläufig auch Zukunftsoptionen im Blick behalten müssen, deren Realisierungen noch ungewiss sind. Doch das Risiko umsonst unternommener Anstrengungen ist gering einzuschätzen gegenüber der Gefahr, die Entstehung langfristiger räumlicher und technologischer Entwicklungen zu übersehen und dabei den Zeitpunkt zu verpassen, zu dem mit umweltwissenschaftlicher Forschung und inhaltlich zugeschnittenen Planungsinstrumenten noch grundlegend Einfluss genommen werden kann. Insofern sollten ohne Furcht vor Fehleinschätzungen angepasste Methoden und Verfahren entwickelt werden, die eine nachhaltige und vorsorgeorientierte Integration Erneuerbarer Energieerzeugung in Küstenregionen ermöglichen.