Tendenzen der On- und Offshore-Windkraftnutzung in Schleswig-Holstein

von Staatssekretär Wilfried Voigt

 

Die Windenergie ist diejenige unter den regenerativen Energieträgern, die sich weltweit am schnellsten entwickelt hat und der in den nächsten 10-15 Jahren ein gewaltiges Wachstum prognostiziert wird. Sie ist eine wichtige Säule bei der Umsetzung der Trends: Energieeinsparung, Effizienzsteigerung und Nutzung der regenerativen Energien.

Schleswig-Holstein ist ein Pionierland bei der Entwicklung der Windenergie. Hier hat die Windenergie ihr „Nischendasein" längst verlassen. Sie leistet bereits einen nennenswerten Beitrag zur zukunftsfähigen Stromversorgung und ist einer der bedeutendsten Sektoren zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, Wertschöpfung vor Ort und damit der Stabilisierung der ländlichen Räume. Bürgerwindparks eröffnen vielen Menschen neue Einkommenschancen und sind somit entscheidender Faktor für die gesellschaftliche Akzeptanz vor Ort.

Lassen Sie mich einige Zahlen nennen:

Zurzeit sind 2.333 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 1.543 Megawatt in Schleswig-Holstein installiert. Im vergangenen Jahr wurden 2250 Gigawattstunden (GWh) von Windenergieanlagen erzeugt. Das entspricht über 17Prozent des Stromverbrauchs im Land. In diesem Jahr wird – durchschnittliche Windverhältnisse vorausgesetzt - ca. 25 % des Stromverbrauchs in Schleswig-Holstein von Windenergieanlagen erzeugt werden.

Im vergangenen Jahr sind ca. 200 Millionen Euro von den Netzbetreibern an die Betreiber von Windenergieanlagen bei uns im Land gezahlt worden. Die Einspeisevergütung ist wichtig, aber sie ist nicht der einzige wirtschaftliche Effekt der Windenergie in unserem Land. Die Bedeutung von Windparks als Gewerbesteuerzahler ist für Kommunen z.T. erheblich. Im Land gibt es Produktionsstätten mit dem gesamten vor- und nachgelagertem Bereich. In Schleswig-Holstein stehen 3.000 bis 4.000 mit der Windbranche in direkter Verbindung.

Windenergie ist auf Akzeptanz angewiesen. Deshalb hat die Landesregierung nach einem intensiven Diskussionsprozess Flächen für die Nutzung der Windenergie ausgewiesen. Diese erfassen ca. 1 % der Landesfläche oder umgekehrt:

99 Prozent bleiben für den Bau von Windenergieanlagen tabu.

Wir haben aber trotzdem unsere Möglichkeiten an Land noch nicht ausgeschöpft. Wir schätzen, dass mit Hilfe des Repowering, also den Ersatz vieler kleiner durch wenige große Anlagen, die installierte Leistung an Land von jetzt gut 1.500 Megawatt auf 2.500 Megawatt gesteigert werden kann - ohne neue Windvorrangflächen! Wir gehen vielmehr davon aus, dass das Landschaftsbild durch das Repowering deutlich entlastet werden kann.

Letztlich wegen der knappen Flächen an Land wollen wir den Schritt hinaus auf die See organisieren. Das Potential der Offshore-Windenergienutzung ist beträchtlich. Alle haben ein Auge auf das Thema geworfen: Die Windbranche selbst natürlich, aber auch die maritime Küstenwirtschaft, große Industriekonzerne und auch die Stromverbundunternehmen. Es handelt sich um ein großes Zukunftsthema - mit Risiken, aber vor allem mit Chancen!

Offshore-Windenergienutzung bedeutet, in vielerlei Hinsicht Neuland zu betreten, u.a. in den Bereichen:

• technologische Entwicklung (Anlagengröße, Gründung, Türme, Gondeln)

• Aufarbeitung der natürlichen Bedingungen des Meeres und Umsetzung von ökologischen bzw. Naturschutzbelangen sowie Belangen der Schiffssicherheit

• Konsequenzen dieser Entwicklung für den Aus- bzw. Umbau des Stromnetzes. So wird das Netz von Dänemark bis Holland ertüchtigt werden müssen, an das Lastmanagement werden große Anforderungen gestellt, mit dem Abtransport großer Strommengen über Seekabel wird Neuland betreten.

Antworten müssen gefunden werden auf die mit den Eingriffen verbundenen Fragen des Natur- und Umweltschutzes und die Gewährleistung der Schiffssicherheit. Diskutiert werden auch alle Wirtschaftlichkeitsfragen und die Konsequenzen für die Stromnetze. Um diesen komplexen Prozess zielführend voranzubringen, ist u.a. eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe Offshore auf Initiative Schleswig-Holsteins eingerichtet worden, die die Bearbeitung aller offenen Grundsatzfragen sicherstellt.

Zur Minimierung des vorhandenen Konfliktpotentials hat die schleswig-holsteinische Landesregierung von vornherein auch Grenzen des Offshore-Ausbaus aufgezeigt, so durch die frühe Festlegung, dass der Nationalpark Wattenmeer tabu ist.

Bei der sehr ernst zu nehmenden Frage der Schiffsicherheit bietet die Nutzung der Offshore Windenergie nicht nur Probleme, sondern auch Chancen. Längst überfällige Maßnahmen der Schiffssicherheit entlang der vielbefahrenen deutschen Küsten lassen sich u.U. in Verbindung mit der Offshore-Windenergie politisch durchsetzen.

Gleiches gilt für einige Naturschutzbelange. So werden einerseits durch Windparks Meeresgebiete der Schleppnetzfischerei entzogen. Andererseits diskutieren

Fischereibiologen die dadurch entstehenden Chancen einer „Kinderstube" für Jungfische. Die Muschelfischer sind schon an uns herangetreten, die Gründungsbauwerke zu nutzen und dafür die ständig umstrittene Nutzung im Nationalpark aufzugeben.

Die Haltung der Naturschutzverbände zur Offshore-Technik ist nicht einheitlich. Sie reicht von der Unterstützung wie bei Greenpeace bis hin zu deutlicher Ablehnung. Ein intensiver politischer Dialog kann aber, so unsere Erfahrung, das Verhärten von Fronten vermeiden. Wir haben aus der Entwicklung der Windenergie an Land die Lehre gezogen, dass Transparenz und umfassende öffentliche Beteiligung unverzichtbar sind, um eine zügige Entwicklung zu erreichen.

Für die öffentliche Akzeptanz wichtig ist auch die Grunddevise unseres Engagements, die lautet: Wir wollen nicht die Meere „zupflastern", sondern große Schaufenster einer faszinierenden neuen Technologie errichten!

Die schon jetzt beträchtliche regionalwirtschaftliche Bedeutung der Windenergie lässt sich mit der Entwicklung von Offshore in neue Dimensionen ausbauen.

Offshore eröffnet die Möglichkeit, die junge Windindustrie mit der in Schleswig-Holstein traditionell starken maritimen Wirtschaft zu einem neuen Zukunftsprojekt zu verbinden und so auf einem Markt präsent zu sein, dem in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gewaltige Wachstumsraten prognostiziert werden. Wer wäre besser geeignet als unsere Werften, die nicht gerade auf einer Gewinnwelle reiten, hier einzusteigen. Sie einschlägige Erfahrung sowie Platz und große Hallen und liegen in günstiger Weise am seegängigen Wasser.

Auf meine Initiative hin haben wir inzwischen gemeinsame Gespräche mit Offshore-Vorhabenbetreibern, Vertretern der Werften und den Industrie- und Handelskammern geführt.

Das Interesse der Werften, sich an der Konzeptionierung von Offshore-Windparks zu beteiligen ist da. Deutlich wurde, dass das Informationsbedürfnis angesichts einer noch recht fremden Materie groß ist. Unser Interesse ist es, möglichst viele der im Land arbeitenden Werften in das Zukunftsprojekt Offshore einzubinden. Ich bin sehr froh zu sehen, mit welchem Engagement die Werften an dieses neue Betätigungsfeld herangehen. Und ich bin überzeugt, dass das hier vorhandene Know how helfen wird, die beträchtlichen Probleme, die einer Verwirklichung von Offshore-Parks noch entgegenstehen, zu lösen.

Dabei müssen wir immer im Hinterkopf haben, dass Offshore-Windenergie viele Aufgaben beinhaltet, für die wir mit Onshore-Anlagen keine Erfahrung sammeln konnten. Auch die Erfahrungen mit den near-shore-Anlagen in Dänemark können nur sehr bedingt helfen. Wir werden gleich ins tiefe Wasser gehen - Das ist die Herausforderung.

Eine enorme wirtschaftliche Chance sehe ich auch für unsere Häfen. Offshore-Windenergie kann für unsere Hafenwirtschaft die Bedeutung erhalten, die Offshore-Erdöl für schottische und norwegische Hafenstandorte erhalten hat.

Gerade auch in der Frage der möglichen Häfen aber gilt Gorbatschow:

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Von Esbjerg bis Wilhelmshaven wollen alle am Boom teilhaben. Für uns als schleswig-holsteinische Landesregierung ist es natürlich wichtig, dass unsere Häfen dabei sind. Und ich betone den Plural. Denn wenn ich mir die in Frage kommenden Häfen: Husum, Helgoland und Brunsbüttel ansehe, dann halte ich eine Aufgabenteilung für angebracht.

Helgoland als draußen liegender Service-Punkt, Husum als Ausrüstungsstützpunkt und schließlich Brunsbüttel als Anlaufstation für große Spezialschiffe, wie für rasch zu entscheidende, industrielle Fertigungsprozesse.

Lassen Sie mich zusammenfassen:

Windenergie, so unsere Erfahrung aus dem Land zwischen den Meeren, ist in der Lage, einen wesentlichen Teil der Stromversorgung zu übernehmen. Und dies auch unter den Restriktionen, die in dicht besiedelten und intensiv genutzten Räumen in Europa unvermeidlich sind. Mit Offshore gewinnt der Windenergie-Ausbau eine neue Perspektive. Unser Ziel ist: Im Jahre 2010 rund 50 Prozent unseres Stromverbrauchs durch Windenergie zu decken mittels repowering onshore und offshore-Windparks.

Windenergie ist ein dynamischer, aufstrebender Wirtschaftsfaktor. Offshore-Windenergie bietet zudem die Chance, für Küstenregionen maritime Wirtschaft und Windenergie zu einem neuen dynamischen Wirtschaftszweig zu verbinden.

Ganz entscheidend ist, dass angesichts vieler offener Fragen gerade im Bereich der Offshore-Windenergienutzung der Rahmen der Sache, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten bleibt in seiner jetzigen Struktur! Einzelne Verbesserungen/Anpassungen sind erforderlich.

Aber wer an diesem Rahmen „rumfummelt“, wird niemanden finden, der das erforderliche Risikokapital aufbringt. Wer an diesem Rahmen herumfummelt, nimmt bewusst „dänische Verhältnisse“ in Kauf!

Der Siegeszug der Windenergie auf dem Globus wird weitergehen, aber aus Deutschland verschwinden. Damit würde eine der besten Entwicklungsmöglichkeiten der Küstenländer im Keim erstickt, bevor sie die Chance hatte, sich überhaupt erst zu beweisen!

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