Die verschiedenen Formen der
Meeresenergie werden in der deutschen Diskussion der Erneuerbaren Energieträger
noch wenig beachtet. Das liegt u.a. daran, dass die Nutzung dieser Energieformen
noch kaum zur Marktreife gelangt ist. Strömungsenergienutzung mittels unterseeisch
befestigter Turbinen könnte allerdings schon in den wenigen Jahren marktreif
sein, denn die Turbinentechnik dieser Anlagen ist seit langem erprobt. Das Potenzialgefälle des Tidenhubs wird an einigen
Orten bereits seit Jahrhunderten mit Hilfe von Wasserrädern oder zur
Stromerzeugung durch Wasserturbinen genutzt. Große Gezeitenkraftwerke, denen
die Technik von Laufwasserkraftwerken zugrunde liegt, wurden in den vergangenen
Jahrzehnten in Frankreich (La Rance), Kanada, China und der ehemaligen UdSSR
gebaut. Doch hohe spezifische Anlagenkosten, ein zu geringer Tidenhub und erhebliche
landschaftliche Vorbehalte gegenüber umfangreichen Küstenverbauungen machen Gezeitenkraftwerke
in Deutschland indiskutabel. Als neuere Form der Gezeitennutzung werden heute
Felder von Unterwasserturbinen, die in Tideströmen am Meeresboden verankert
sind, präferiert. Ein
im Rahmen des JOULE -Forschungsprogramms konkretisiertes Strömungsenergieprojekt
liegt in der Strasse von Messina und soll 100 x 1-MW-Turbinen in einer Tiefe von
100 m umfassen. In dieser Strömung wird ein jährliches Potential von 2.900 GWh
prognostiziert, wovon nach Fertigstellung der Anlage 430 GWh jährlich in
Strom umgewandelt werden sollen. Ein britisch-deutsches Projekt namens „Seaflow“
befindet sich seit einigen Jahren im Bristol Channel vor der Küste Cornwalls in
Planung. In Europa wurden 106 vorrangig für die Nutzung des Tideenergiepotentials geeignete Positionen identifiziert. Die insgesamt technisch nutzbare Leistung entspricht 12.500 MW bzw. 48 TWh Strom pro Jahr. Beim derzeitigen Stand der Technik werden dabei Strömungsgeschwindigkeiten ab 2 m/sek. als kommerziell ausreichend angesehen. Tideströme an der deutschen Küste erreichen diesen Wert nicht, doch wo Küsten vor Meeresströmungen ohnehin baulich geschützt werden müssen, könnte sich ein zusätzlicher Anreiz durch die Kopplung von Energieerzeugung und Küstenschutz ergeben. GRAW (Institut für Wasserbau der Universität Leipzig 1995) identifizierte vor Sylt und Norderney Prielströme, an denen er eine Kopplung kontinuierlich notwendiger Küstenschutzmaßnahmen mit Energieerzeugung für aussichtsreich hält. Hierzu schlägt er ein sogenanntes Plattenwellenenergiekraftwerk vor, welches aus einer Anzahl massiver, in den Prielen abgesenkter, wellenbrechender Betonkonstruktionen besteht, die zugleich Turbinen zur Nutzung der Strömungsenergie beinhalten. Dabei wird bei vollständiger Ausnutzung der Gezeitenenergie im Hörnum Tief eine theoretische Stromausbeute von rund 400 MWh/Tag prognostiziert. Technisch realisierbar und unter Umweltgesichtspunkten erwünscht wäre sicherlich nur ein erheblich kleinerer Anteil. Es ist unter Gesichtspunkten des Naturschutzes nur schwer denkbar, entsprechende Eingriffe in das Strömungssystem, denn t nur allzu leicht ist denkbar, dass neben den erwarteten Küstenschutzeffekten auch unerwünschte Nebenwirkungen in Form von Sedimentation und Abträgen im Wattenmeer die Folge wären. Doch eine hydrodynamisch-numerische Simulation von Strömungskraftwerken in der deutschen Nordsee ist nicht bekannt. Sie wäre der erste Schritt zu einer begründeten Abschätzung der Verträglichkeit.
Abb.: Tidestrom zwischen Sylt (links oben) und Amrum (mitte
links); Bodenabtrag bei Hörnum seit 1870 Abb.: Plattenwellenbrecher (GRAW 1995)
|